Das Bürgertum en miniature

Die Puppenstube für Mädchen hatte im Biedermeier ihre Blütezeit. Vorbild
waren die Wohnungen gehobener Bürgerfamilien, die es galt möglichst
naturgetreu und detailliert nachzubilden.

Bereits im 16. und 17.Jahrhundert gab es sie, allerdings nur als kleines
Kunststück und Schaustück des Adels, welche ihre Häuser en miniature
nachbauen ließen, um ihren Reichtum zu demonstrieren.Wo hingegen im Biedermeier anhand von Puppenstuben und Puppenküchen Mädchen
spielerisch auf ihre spätere Aufgabe als Frau eines herrschaftlichen Hauses
oder als „Hausfrau“ vorbereitet wurde.

Die Biedermeierzeit steht für eine „hausbackene“ und konservative
Lebensweise und den Rückzug ins private Idyll. Das häusliche Glück in den
eigenen vier Wänden, die Gemütlichkeit sowie die allgemeinen Prinzipien,
wie Fleiß, Ehrlichkeit, Pflichtgefühl und Bescheidenheit stand im Vordergrund.
Die Geselligkeit pflegte man in kleinerem Rahmen, dem heutigen
Wohnzimmer, so wie beim Kaffeekränzchen, bei der Hausmusik, aber auch
in den Kaffeehäusern.

Der Wohnstil war elegant und schlicht, er sollte vor allem Behaglichkeit
verbreiten und zweckmäßig sein. Die Puppenstuben wurden vornehmlich an Heiligabend aufgebaut und nach Weihnachten im Januar wieder eingepackt,
so dass nur eine kurze Zeit damit gespielt werden konnte. So sollte es auch
bei der näher beschriebenen Puppenstube aus dem hanseatischen Raum gewesen sein.
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Die Einrichtung sowie die vielen Accessoires entsprechen exakt dem vorher beschriebenen Biedermeier und sind von der Firma Rock & Graner, welche 1813 aus dem älteren Handelshaus Wißhack in Diberach a.d.Riß hervorgegangen ist. Dieser Blechspielzeughersteler produzierte Puppenstuben, Blechburgen, Kutschen und uhrwerkbetriebene Eisenbahnen, bevor er 1904 seine Fabrikation einstellte.
Diese  Puppenstube befand sich von Anfang an in einer hanseatischen Familie. Über Generationen wanderte sie zwischen Dachboden und Festtags-Wohnstube an Weihnachten hin und her und begeisterte wohl einige Kinder. Im Laufe der Jahre gab es wohl bis zur Jahrhundertwende auch einige "Neuzugänge" an Accessoires, einiges fiel vielleicht den kleinen tollpatschigen Kinderhänden zum Opfer, aber im Großen und Ganzen handelt es sich hierbei immer noch um den Originalzustand der Stube. Vielleicht wäre es sinnvoll die Tapeten einer fachmännischen Ausbesserung zu unterziehen, denn diese haben die langen Jahrzehnte oder auch Kinderhände nicht ganz unbeschadet überstanden.

Aber so konnte sie bis dato von einem Laien oder "Fachmann" nicht "kaputt-restauriert" werden. Selbst die handgemalte Verglasung ist noch intakt und daher selten anzutreffen. ebenso der eingesetzte verglaste Erker.
Das Klavierspiel hatte zu jener Zeit jede Bürgerstochter zu lernen. Hier ist ebenfalls dieses Instrument der Fa. Rock & Graner mit einer eingebauten Spieluhr vorhanden. Das Musikwerk ist noch intakt, wohl aber häufig abgespielt worden; die Lackabplatzer verraten es als beliebtes Spielzeug der Stube.

Einige Zubehörteile aus Goldblech weisen auf die Firma Eckhard und Söhne hin, welche um 1844 mit der Produktion dieser wunderschönen Accessoires begannen.

Bis in die 20er Jahre wurde die große Stube noch bestaunt und bespielt. Sie überlebte die vielen Jahre auf dem Dachboden dieser Familie. Nun wurde das Haus aufgrund des Umzuges eines Familienmitglieds in eine Seniorenresidenz geräumt und die lange vergessene Puppenstube trat wieder zu Tage. Im Familienkreise wurden wieder Erinnerungen geweckt, Geschichten aus vergangenen Tagen erzählt und man stellte fest, dass die schöne Stube leider im kommenden Lebensabschnitt keinen "körperlichen" Platz mehr finden wird.

Daher wurde nun beschlossen, einen neuen würdigen Platz zu finden und auch vielleicht andere Augen leuchten zu lassen, solche, die die Geschichten sehen und hören können, wenn die sich fallen lassen in eine andere Zeit.

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